Winterwildwasser: Ligurien für Klammfüchse

Der Winter im bayerischen Alpenvorland ist lang und hart. Jedenfalls wenn man dem Wildfluss der Skipiste den Vorzug gibt. Abhilfe bringen die kleinen Winterfluchten, zum Beispiel über Silvester ans Mittelmeer. Der Golf von Genua liegt nur sechs Autostunden von München und garantiert oft frühlingshafte Temperaturen im ligurischen Apennin.

Winterwildwasser: Ligurien für Klammfüchse
Artikel Winterwildwasser: Ligurien für Klammfüchse Frigido

Quelle: Christoph Scheuermann

»Frühling am Mittelmeer« titelt Wetteronline.de am 18. Dezember 2013. Der Klick auf die Wetterkarte zeigt: Rund um das satte Blau am Rande Europas laden zweistellige Temperaturen zur Winterflucht – teils bis knapp 20 Grad. Für unsere Ferienplanung wichtig sind die Werte am Golf von Genua. 12 bis 15 Grad Höchsttemperatur, dazu wechselnde Bewölkung und immer wieder Schauer. Fuchs, pass auf! Aber ein bisschen mehr Regen braucht's noch bevor die Pegelmarker auf www.ckfiumi.net grün leuchten. Drei Tage vor Heiligabend dann das Go: Regen satt über die Feiertage, Temperaturen weiter okay.Ein knappes Dutzend Anrufe bei den üblichen Verdächtigen zeigt, dass die Ferienplanung mit zunehmendem Alter an Spontanität verliert. Zwei Autos werden's schon werden. Sonst heißt's halt mit den Locals paddeln. Das hat sich immer noch ausgezahlt … Aber was erwartet uns im (hoffentlich) sonnigen Süden? Informationen über die Wildflüsse im Apennin sind spärlich. Der letzte deutschsprachige Flussführer zum Thema, wann man vom nicht totzukriegenden DKV-Führer absieht, ist »Wildwasserfahrten in Italien« von Peter Dinter. Das Buch ist immerhin Jahrgang 1987, also wohl eher was für Nostalgiker und Antiquariatsbesucher.      Bild links: Der Frigido liegt schon in der Toskana, aber nur eine halbe Stunde von La Spezia. Das türkisfarbene Wasser wirkt im weißen Marmorgestein doppelt klar. Bild unten: Typische Apennin-Landschaft Ende November. 

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Quelle: Salome Fritz

Überraschenderweise weiß das deutschsprachige Web genauso wenig zu berichten. Entweder ist das Revier ein echter Geheimtipp oder es lohnt sich schlichtweg nicht, dort sein Boot abzuladen. Die Bilder und Berichte in der Flussdatenbank von Ckfiumi.net, dem italienischen Pendant von 4-paddlers.com, lässt auf ersteres schließen. Jede Menge Klammen, vereinzelt Grundgestein im korsischen Stil, praktisch immer klares Wasser.

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Quelle: Screenshot wetteronline.de

Ein Blick auf die Straßenkarte offenbart ein weiteres Plus: Die Region ist verkehrlich exzellent erschlossen. Dank der Autobahnen Parma – La Spezia (Nord-Süd) und La Spezia – Genua (Ost-West) sind auch größere Sprünge im Revier eine Sache von einer halben Stunde. Und wenn das Wasser mal schneller abläuft, als der Urlaub aus ist, erreicht man in drei Stunden die Seealpen, in denen sich dank Kraftwerksbetrieb an der Roya und den niedrig gelegenen Bächen Bevera, Esteron und Siagne neue Flussoptionen auftun.

Viele der interessanten Bäche liegen in der Region Ligurien. Das Magratal mit seinen Zuflüssen sowie der Frigido befindet sich jedoch in der angrenzenden Toskana. Mit ganz klarem Wasser durchfließt der in Deutschland Frigido das Marmorgebiet von Carrara. Ein Traum in Weiß und Türkis, für alle, die WW 4 beherrschen. Noch ein wenig weiter im Südosten kommen Anfänger an der Lima auf ihre Kosten. Die eindrucksvollen Schluchten werden stets von der Straße begleitet.

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Quelle: Salome Fritz

Für die Locals aus La Spezia, Parma und Modena bildet die Magra die wichtigste Flussachse. Wer vom Brenner kommt, trifft auf der Südseite des Apennins zuerst auf diesen Fluss, und kann auch schon kurz nach dem Tunnelportal einsetzen. Die Obere Magra ist vor allem bei viel Wasser eine atemlose Schussfahrt in dichtbewaldeter Schlucht (WW III-IV). Oberhalb des Einstiegs beim Weiler Molinello versteckt sich zudem die Creek-Etappe der Magra Altissima. Im engen Kerbtal stürmt der Bach nach Regenfälle durch wildgewüfelte Bouldergärten und zum Teil hohe Grundgesteinsrutschen (WW V). Lohnend!Der bekannteste Fluss der Region, der Taverone (WW IV), ist ein linker Zubringer der Magra und eine echte Perle. Fast ständig in Klammen, dabei schon bei Mittelwasser ziemlich wuchtig, empfiehlt sich die Erstfahrt bei nicht allzu viel Wasser. Mehrere Blockstellen bilden satte Walzen und haben zum Teil auch Klemmpotenzial. Die finale Klamm bei Licciana Nardi ist der würdige Höhepunkt des Taverone – nur knappe drei Meter breit, ziemlich kehrwasserlos und verdammt tief. Wehe, hier hat sich ein Baum verklemmt. Die darüberführende Brücke bietet Einblicke, auch auf die folgende Grundschwelle, die je nach Wasserstand nicht nur Zwangspassage sondern auch rückläufig ist.  Bild links: Architektonisch wertvoller Einstieg zum Taverone di Tavernelle, dem rechten Quellfluss. Bild unten links: Nervenkitzel am Taverone in der engen Klamm von Licciana Nardi. Bild unten rechts: Ende 2011 war die Grundschwelle am Klammausgang mit Kies verschwemmt. Bei geringerem Geschiebestand bildet sich ein satter Rücklauf. Umtragen unmöglich!

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Quelle: Salome Fritz

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Quelle: Salome Fritz

Artikel Winterwildwasser: Ligurien für Klammfüchse Gordana

Quelle: Christoph Scheuermann

Desweiteren wären im Stromgebiet der Magra noch die zwei Quellflüsse des Taverone (bis WW IV+), die Gordana (völlig weglose Klammen mit vielen Zwangspassagen und einer haarsträubenden Passage, bei wenig Wasser aber nur WW IV), der Bagnone (der Bach mit dem höchsten Grundgesteinsanteil und tollen Wasserfall-Kombinationen, WW IV-V+) und weiteren Creeks, die man besser erstmal mit Locals paddelt. Während Mittel- und Unterlauf der Magra durch starke Besiedelung und die über lange Brücken geführte Autobahn gelitten haben, kommen Wildwassereinsteiger an der Vara zum Zug. Das große Flusssystem im östlichen Ligurien weist nur wenige Ortschaften auf, so konnte das ausgedehnte Kiesbett samt intakter Auen erhalten werden. Lediglich ein kleiner Stausee mit folgender Wasserableitung trübt das Naturempfinden. Höhepunkt der Vara ist eine knackige Felsschlucht im oberen dritten Grad, um die die Straße einen Bogen macht. Nach viel Regen toben hier schnell hundert oder mehr Kubik hindurch – exquisites Wuchtwasser für Könner.            Bild links: Die erste Klamm auf der Gordana bei Schneefall und vereisten Wänden. Bild unten: Im Winter besonders unangenehm: Bootsbergung nach einem Stecker auf der Gordana.

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Quelle: Julian Mihe

 

Galerie: Winterwildwasser Ligurien und Toskana

Galerie Ligurien im November und Dezember 2011 Ligurien Galerie Ligurien im November und Dezember 2011 Ligurien Galerie Ligurien im November und Dezember 2011 Ligurien Galerie Ligurien im November und Dezember 2011 Ligurien Galerie Ligurien im November und Dezember 2011 Ligurien Galerie Ligurien im November und Dezember 2011 Ligurien Galerie Ligurien im November und Dezember 2011 Ligurien Galerie Ligurien im November und Dezember 2011 Ligurien Galerie Ligurien im November und Dezember 2011 Ligurien
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Quelle: Christoph Scheuermann

Noch ein wenig weiter im Westen ist das Flusssystem der Entella sowohl für Neuentdeckungen wie Niedrigwasser-Optionen gut. Drei Quellflüsse – Sturla, Graveglia und Lavagna – formen die Entella, bevor sie nach acht Kilometern ins Meer mündet. So ist die Sturla dank Kraftwerksbetrieb auch bei Niedrigwasser oft machbar. Leicht verblockte Schwälle zwischen naturbelassenen Ufern sind für alle gut, die's nicht ganz so sportlich mögen. Echtes Creeking gibt's im Oberlauf und den Zubringern der Lavagna. Die Nähe zum Meer begründet eine fast schon subtropische Vegetation: üppiges Grün, kleine Bambuswäldchen und bemooste Felsen gehören an der Sturla zum Ambiente. Zusammen mit dem stufigen, fast immer fairen Wildwasser erinnert das Flusserlebnis auf der oberen Sturla an die Creeks Nordportugals oder Galiciens. Auch einen Untertalbach Liguriens gibt's: Er heißt Cicana und auch hier verläuft die Straße im Tal.Vor allem im Westen Liguriens warten noch viele Täler auf ihre Erkundung. Auf Ckfiumi.net wurden etliche Abschnitte beschreiben. Wer eine romanische Sprache zumindest in Grundzügen beherrscht, kommt im Paddlersprech schon weit. Die Pegelgrafiken sprechen dank der Vergleichswerte ohnehin für sich. Am Schluss noch eine Randnotiz: Paddelurlaub im südlichen Apennin lässt sich nicht von langer Hand planen. Will man wirklich gute Wasserstände, müssen drei bis vier Tage Vorlaufzeit genügen. Wenn es Wasser hat, lohnt die Anfahrt aber auch für vier Tage. Von München oder Ulm sind's gerade mal gute 600 Kilometer bis ans Mittelmeer. Bild links: Ziemlich auswegslos: In der ersten Klamm der Gordana Ende November 2011. Bild unten: Trotz Kältesport fröhliche Gesichter. Über Nacht sind die Temperaturen an der Küste auf Null Grad gefallen. Das Einzugsgebiet der Gordana ist weiß überzuckert.

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Quelle: Dario Vanacore

Weitere Infos zum Revier auf www.ckfiumi.net (»Descrizione Fiumi«) und im Kanu Magazin, Heft 2/2011 (zu bestellen hier). Aktuelle Pegel auf 4-Paddlers und auf www.ckfiumi.net (»Idrometri«).

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Diplom-Geograph, fester Autor fürs KANU-Magazin, Südosteuropa-Spezialist, Kajakreiseveranstalter und vor allem seit 25 Jahren so oft es geht im Boot. Der Genuss auf dem Wasser zu sein, gemeinsam mit alten und neuen Freunden, darüber zu schreiben, sich connecten. Love it! Für alles weitere .

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